Einleitende Worte des Münchner Kunsthistorikers Bruno Alber zur Eröffnung der Ausstellung am 27.November 2011: SABINE KAHANE IN MÜNCHEN

Einleitende Worte des Münchner Kunsthistorikers Bruno Alber zur Eröffnung der Ausstellung am 27.November 2011: SABINE KAHANE IN MÜNCHEN Sabine Kahane stellt nicht zum ersten Mal in Deutschland aus, ist sie doch eine Berliner Künstlerin, die dort ihre künstlerische Ausbildung erhielt und längst eine bekannte und anerkannte Grafikerin und Malerin war. Sie stellt zum ersten Mal wieder in Deutschland aus, nachdem sie dieses Land vor 20 Jahren verlassen hatte und bis jetzt nie wieder hierher gekommen ist. Auch heute nicht und auch nicht zur Eröffnung ihrer Ausstellung in Stendal, Hamburg und Berlin. Meine einführenden Worte bei der Ausstellungseröffnung in Maria–Thann vor einem Monat ernteten nicht nur Beifall, sondern auch Kritik, die darin bestand, dass ich zu wenig über die Bilder konkret gesagt hätte und zu allgemein geblieben sei. Ich will mir dies zu Herzen nehmen. Damals war mit uns, meiner Frau und mir, Herr Chaim Noll, der Ehemann der Künstlerin, mit ins Allgäu gefahren und auch wieder zurück. Auf dieser Rückreise haben wir den Faden weitergesponnen, den ich in meiner Einführung verfolgte. An Hand eines Essays von Erich Kästner stellte ich das moderne Problem dar des Nicht-mehr-sehen-könnens durch zuviel Sehen. Und nannte abschließend die Bilder von Sabine Kahane „eine Schule des Sehens“. Dabei kamen mir die Worte von Papst Benedikt in den Sinn, mit denen er seine Rede vor dem Deutschen Bundestags begann. Er sagte, indem er die Schrift zitierte: „Im 1.Buch Könige wird erzählt, dass Gott dem jungen König Salomon bei seiner Thronbesteigung eine Bitte freistellte. Was wird sich der junge Herrscher in diesem wichtigen Moment erbitten? Erfolg – Reichtum – langes Leben – Vernichtung der Feinde ? Nicht um diese Dinge bittet er. Er bittet: „Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk regiere und das Gute vom Bösen zu u n t e r s c h e i d e n versteht.“ (1 Kön 3, 9) Und ich dehnte es darauf hin aus, dass wir bei Frau Kahane in die Schule gehen können, in eine Seh–Schule, die unser Herz sehend macht, zu u n t e r s c h e i d e n das wahre vom falschen Bild. Auf der Rückfahrt griff Chaim Noll dieses Wort von der „Unterscheidung“ auf und bedankte sich dafür, dass ich es verwendet hatte. Er sagte, dass dieses Wort lehavdil, unterscheiden, das Eine-vom-Anderen-Scheiden, im Hebräischen eine zentrale Rolle spiele und bereits im Schöpfungsbericht ein Schlüssel-Wort sei. Wir übersetzen es dort mit s c h e i d e n, zum Beispiel, wenn es heißt: „Und Gott schied zwischen dem Licht und der Finsternis“. Noch weitere vier mal kommt dieses S c h e i d e n bzw. U n t e r s c h e i d e n im Verlauf des Schöpfungsberichts vor und indirekt könnte man sagen, es durchziehe den gesamten Schöpfungsakt. Erschaffen ist ein einziges Unterscheiden. Warum erzähle ich das? Weil die Konsequenzen dieses Unterscheidens, das zunächst vermeintlich so abstrakt daherkommt, uns direkt in das Leben von Frau Kahane und mitten in ihre Bilder führt. Dass Israel dieses Unterscheiden als literarischen Kernpunkt an den Anfang setzen konnte, verdankt es seiner Geschichte. Nicht nur dem Anfänger, dem Ahnvater Abraham ist dieses „scheiden“ ins Stammbuch geschrieben, wie wir im Grußwort von Chaim Noll hörten. Israel insgesamt muss diesen Weg gehen, wegziehen aus dem damals so beliebten Land Ägypten, dem Musterstaat, um 40 Jahre in der Wüste die Unterscheidung zu lernen. Israel war das erste Volk, das wegen dieser Unterscheidung den Wohlfahrtsstaat Ägypten einen Sklavenstaat nannte, seine Herrscher nicht Wohltäter, sondern Unterdrücker und deren Götter Götzen, die es nicht verdienen, angebetet zu werden. Die Kinder Israels haben die Pyramiden nicht bewundert und die Grabkultur der Ägypter nicht gepflegt. Sie mussten wegziehen, um in der Wüste ein neues Gesetz zu lernen. Und es ist ja auch nicht so, dass dieser Auszug und das 40-jährige Umherirren im Ödland ein einmaliger Vorgang gewesen wäre mit anschliessender Landnahme. Nein! Es ist ein ständiger Prozess geblieben. Wüstenwanderung und Landnahme sind gleichzeitig und dauern an. Israel nimmt die Wüste gleichsam mit ins Land. Und tatsächlich, man braucht von Jerusalem aus nur den nächsten Bergrücken überqueren und schon stehen sie in der Wüste: Mitten in der Bilderwelt von Sabine Kahane. Weil sie wie ihr Mann und ihre Kinder die jüdischen Wurzeln nicht wie einen exotischen Zuckerguss betrachten wollten, wie es viele Christen tun mit dem Gerede von den biblischen Wurzeln, um es damit bewenden zu lassen; haben sie nach der konkreten Unterscheidung gefragt. Zuerst in der damaligen DDR. Sie hätten – angepasst – dort gut leben können als Kinder prominenter Kader. Nein! 1983 sind sie weggegangen unter Lebensgefahr. Und auch im westdeutschen, linksintellektuellen Milieu haben sie die Unterscheidungsfrage gestellt und mussten schmerzhaft feststellen, dass hier ihre Heimat nicht sein könne. So wanderten sie weiter, zuerst nach Rom 1991, und von dort aus 1995 nach Israel. Auch hier ging die Reise weiter. Von Jerusalem aus in den Negev, wo sie noch heute wohnen. Deshalb sind die Bilder von Frau Kahane nicht einfach Impressionen aus der Wüste, faszinierende Stimmungsbilder. Das auch, aber viel mehr: Sie halten nicht nur den expressiven Moment fest, der jeden überfällt, wenn er sich dieser Landschaft mit schauendem und empfindsamen Herzen aussetzt, in ihnen spiegelt sich ein Lebensweg. Die überwältigende Weite und Großartigkeit der Wüste, zugleich mit ihrer Härte und Lebensfeindlichkeit, gibt wieder, was sie leibhaftig erfahren hat: Sesshaft werden in sprödem Land und täglich neu aufbrechen. Leben zwischen Gluthauch und kühlem Nass, das plötzlich aus totem Stein bricht und alles ringsum zu einem paradiesischen Garten erweckt. Auch wenn ihre Bilder letztlich meist schnell geboren sind, verdanken sie sich einem langen Entstehungsprozess, der das Immer-wieder kennt, das Nochmals-neu-ansetzen. Über mehr als einem Jahrzehnt das selbe Thema. Dies setzt ein hohes Können voraus und ist gespeist aus dem großen Repertoir von Ausdrucksmöglichkeiten der modernen Kunst: Vom Abklatsch- Verfahren bis hin zur spontanen Gestik des Informel. Und über allem das gleißende, blendende Licht. Himmelsvariationen, die ihre Verehrung für Turner wie für die leuchtenden Farben der Impressionisten nicht verbergen. Weil die so entstandenen Bilder nicht Selbstzweck sind, keine l`art pour l`art, sondern Stationen eines konkreten Lebens, müssen sich die biblischen Gestalten einmischen und in ihre Bilder einschleichen. Nicht um ein historisierendes Moment zu bedienen, sondern als Vergegenwärtigung einer Erfahrung. Sabine Kahane sind Rebekka und Sarah, König David oder der Tempel in Jerusalem gleichzeitig geworden und sie kann wie Ezer Weizmann sagen: „Ich war dabei!“ Deshalb sind ihre Bilder auch mehr als nur eine Einladung zu einem Israelbesuch. Sie sind in einem gewissen Sinn gefährlich, denn sie fragen uns Europäer nach unseren Wurzeln und vor allem danach, inwieweit wir sie ernst nehmen. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Grußwort von Tal Gat, Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der Botschaft des Staates Israel, zur Eröffnung der Ausstellung „Bilder der Wüste“ im Gutshaus Steglitz, Berlin, 21. Januar 2012

Sehr geehrter Herr Stadtrat Schmidt, sehr geehrter Herr Professor Kunze, lieber Herr Noll, verehrte Damen und Herren, ich freue mich sehr, Sie heute zur Eröffnung der Ausstellung „Bilder der Wüste“ der Künstlerin Sabine Kahane zu begrüßen. Denken wir an Israel, sehen viele vor ihrem inneren Auge zunächst Jerusalem und die Klagemauer, die Tel Aviver Skyline und den Mittelmeerstrand. Wir hören im Innern die vielen Geräusche, die das Land ausmachen – ob es hebräische Lieder sind, lebhafte Diskussionen, Kindergelächter oder die Rufe des Muezzin. Das alles macht Israel für uns aufregend und liebenswert. Sabine Kahane hat ein ruhigeres Israel kennen- und lieben gelernt: die Negev-Wüste. Eine Wüste, die gut die Hälfte des Landes ausmacht und die durch ihre einzigartigen Gebirge, Krater, Felsformationen, Flora und Fauna besticht. Sabine Kahane ist der Faszination der Negev-Wüste erlegen und findet hier die Inspiration für ihr künstlerisches Schaffen. 1997 zog sie nach Beer Sheva und von dort immer tiefer in die Wüste, wo sie heute nahe einer berühmten Oase lebt. Und so sind ihre Bilder geprägt von der Einzigartigkeit der Wüste, von dem Licht- und Schattenspiel und den unvergleichlichen Formen des Negev. Kahanes Acrylmalereien und Zeichnungen zeigen all dies und beschäftigen sich gleichzeitig mit der Geschichte dieser Wüste, die ja auch die Geschichte des jüdischen Volkes ist. Es ist ein ganz anderer Blick auf Israel, den die Künstlerin hat, und ich freue mich mit Ihnen auf die Werke von Frau Kahane und die Ausstellung.

Schalom, Tal Gat

©2011 Benny Kahane, Beer Sheva, Israel